
Gesundheitsinformation
Tourette-Syndrom
Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, unwillkürliche motorische und vokale Tics gekennzeichnet ist und meist im Kindesalter beginnt.
Das Tourette-Syndrom gehört zu den Tic-Störungen und betrifft schätzungsweise 0,3 bis 1 Prozent der Kinder und Jugendlichen, Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Kennzeichnend ist das gemeinsame Auftreten mehrerer motorischer Tics und mindestens eines vokalen Tics über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Viele Betroffene haben zusätzlich ADHS oder eine Zwangsstörung. Die Ausprägung der Erkrankung schwankt stark zwischen einzelnen Personen und auch im zeitlichen Verlauf.
Typische Symptome
- Einfache motorische Tics: Blinzeln, Grimassieren, Kopfrucken, Schulterzucken
- Komplexe motorische Tics: Berühren von Gegenständen, Springen, Nachahmen von Bewegungen
- Einfache vokale Tics: Räuspern, Schniefen, Grunzen
- Komplexe vokale Tics: Wortwiederholungen, in seltenen Fällen unwillkürliches Ausstoßen unangemessener Wörter (Koprolalie)
- Ein Vorgefühl (premonitory urge) – ein Spannungsgefühl kurz vor dem Tic
- Kurzfristige willentliche Unterdrückbarkeit der Tics, verbunden mit zunehmender innerer Anspannung
- Zunahme der Tics bei Stress, Aufregung oder Müdigkeit
- Abnahme der Tics bei Konzentration auf eine Tätigkeit oder in entspannten Situationen
- Wellenförmiger Verlauf mit Phasen unterschiedlicher Intensität
Ursachen & Risikofaktoren
Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist noch nicht vollständig geklärt, vermutet wird ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Im Zentrum steht eine genetische Veranlagung – das Syndrom tritt familiär gehäuft auf – zusammen mit Veränderungen im Dopamin-Stoffwechsel und in den Basalganglien des Gehirns. Auch neurobiologische Reifungsprozesse während Kindheit und Pubertät sowie mögliche perinatale Komplikationen gelten als begünstigende Faktoren.
Diskutiert, aber nicht abschließend belegt, ist ein Zusammenhang mit vorausgegangenen Infektionen (PANDAS-Hypothese). Stress und emotionale Belastung wirken tic-verstärkend, gelten jedoch nicht als Ursache. Begleitende Erkrankungen wie ADHS oder Zwangsstörungen treten häufig gemeinsam mit dem Tourette-Syndrom auf.

Diagnose
Das Tourette-Syndrom wird klinisch diagnostiziert – es gibt keinen spezifischen Labor- oder Bildgebungstest:
- 1Ausführliche Anamnese von Beginn, Art und Verlauf der Tics
- 2Klinische Beobachtung, da Tics während der Untersuchung nicht immer auftreten
- 3Abgleich mit den Diagnosekriterien: mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic über mehr als ein Jahr, Beginn vor dem 18. Lebensjahr
- 4Führen eines Tic-Tagebuchs zur Erfassung von Häufigkeit und Auslösern
- 5Standardisierte Skalen wie die Yale Global Tic Severity Scale
- 6Ausschluss anderer Ursachen für Bewegungsstörungen (z.B. Medikamente, andere neurologische Erkrankungen)
- 7Abklärung häufiger Begleiterkrankungen wie ADHS und Zwangsstörungen
Behandlungsmöglichkeiten
Nicht jede Tic-Störung muss behandelt werden – die Wahl der Therapie richtet sich nach dem Leidensdruck und dem Ausmaß der Beeinträchtigung:
- Psychoedukation und Aufklärung von Betroffenen, Familie und Umfeld sind oft der erste Schritt
- Habit Reversal Training (HRT) zum Erlernen von Gegenbewegungen bei Tic-Vorgefühl
- Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT) als umfassenderes Therapieprogramm
- Medikamentöse Therapie mit Tiaprid, Aripiprazol oder Risperidon bei stärkerer Beeinträchtigung
- Behandlung von Begleiterkrankungen wie ADHS oder Zwangsstörung
- Bei schweren, therapieresistenten Verläufen im Erwachsenenalter in Einzelfällen tiefe Hirnstimulation
Wichtig
Wann sollten Sie ärztliche Hilfe suchen?
- Selbstverletzendes Verhalten durch motorische Tics (z.B. Schlagen, Beißen)
- Soziale Isolation, Mobbing oder Ausgrenzung durch die Tic-Symptomatik
- Erhebliche Beeinträchtigung von Schule, Ausbildung oder Beruf
- Anzeichen einer zusätzlichen Zwangsstörung, ADHS oder Depression
- Plötzliche starke Zunahme der Tic-Häufigkeit oder -Intensität
- Starker Leidensdruck oder Schamgefühle, die den Alltag beherrschen
Häufig gestellte Fragen
- In welchem Alter beginnt das Tourette-Syndrom typischerweise?
- Die ersten Tics treten meist zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr auf. Häufig nehmen die Symptome in der Pubertät zu und bessern sich im Erwachsenenalter bei vielen Betroffenen wieder deutlich.
- Kann man Tics dauerhaft unterdrücken?
- Tics können oft für kurze Zeit willentlich unterdrückt werden, was jedoch mit zunehmender innerer Anspannung verbunden ist. Diese Anspannung entlädt sich häufig später in Form von verstärkten Tics.
Wichtiger Hinweis: Diese Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf ein Tourette-Syndrom wenden Sie sich bitte an eine Fachärztin, einen Facharzt für Neurologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychiatrie. Die Inhalte wurden sorgfältig recherchiert, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.